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Kristina Vogel erklärt ihren Weg nach Rio Live


Nun ja, nachdem ich zugesagt hatte, dass ich Euch durch einen Blog über meine "Road to Rio" informiere und bespaße, habe ich mich wirklich lange gedrückt. Knapp eineinhalb Monate nach meiner Zusage muss ich nun wirklich mal ran.

Für die, die mich nicht kennen: Kristina Vogel, 24 Jahre alt und wahrscheinlich eine der verrücktesten Bahnsportlerinnen auf dem Weg zu den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016. Ich hoffe, dass Euch meine Reise gefällt, und ich schreibe gerne einfach drauflos - frei Schnauze, so wie ich eben bin.

Für uns Bahnfahrer ist die Olympiaqualifikation schon voll im Gange, während sie in anderen Sportarten gerade erst beginnt.
Zur Erklärung: Unsere Olympiaqualifikation geht über zwei Jahre. Hierzu zählen zwei Europameisterschaften, drei Weltcups und zwei Weltmeisterschaften.

Der Haken dabei ist, dass ich mich in der Sommersaison erst für die Weltcupsaisonqualifizieren muss.
Ohne Weltcups keine Möglichkeit, Olympia-Quali-Punkte zukassieren. Am leichtesten ist es, wenn Deutschland am Ende zu den Top-5-Teamsprintnationen gehört - schließlich bekommen die Top-5-Mannschaften automatisch jeweils zwei Startplätze für die Einzeldisziplinen Sprint und Keirin. Sollten wir es nicht unter die Top 5 schaffen, muss man sich im Alleingang die Plätze für die Einzeldisziplinen erkämpfen - in der Mannschaftdisziplin Teamsprint kann man dann natürlich nicht mehr starten.

Die erste Hälfte habe ich davon bereits geschafft.
Es sieht bis jetzt wirklich positiv aus. Selbst wenn meine Teamsprintpartnerin Miriam Welte und ich es nicht über den Teamsprint schaffen, bin ich bis jetzt über die Einzeldisziplinen
so oder so drin.
Das"bis jetzt" möchte ich aber betonen. Schließlich ist erst die Hälfte der Quali-Rennn gefahren worden.

Vom 14.
bis 18. Oktober findet der erste Wettkampf der zweiten Qualifikationsphase statt - die Europameisterschaft in Grenchen in der Schweiz.

Riesiges mediales Interesse

Als Sportlerin merke ich natürlich bereits, dass die Tage bis Olympia gezählt sind:Auf einmal ist das mediale Interesse an meiner Person riesig.
Im Prinzip habe ich jeden Tag mindestens eine Interviewanfrage in meinem E-Mail-Postfach, gefolgt von Fernsehauftritten und Radiosendungen.Von einer Olympiasiegerin von 2012 und mehrfachen Weltmeisterin wird offenbar erwartet, dass sie auf alle Fälle olympische Medaillen gewinnen wird. Das möchte jeder "die" Story haben und live
dabei gewesen sein.


Manchmalist es wirklich schwierig, alles unter einen Hut zu bekommen.
Ich sehe solche medialen Auftritte vor allem als Chance für meine Sportart. Unter den Doping-Skandalen im Profi-Straßenradsport haben vor allem wir Bahnradsportler gelitten, nicht die Straßenfahrer. Als Randsportart müssen wiruns wieder zurückkämpfen, so dass einmal die jetzigen
Nachwuchssportler die Wertschätzung bekommen, die eigentlich jedem Medaillengewinner bei Welt- und Europameisterschaften zustehen sollte.


Bei der "Henne"

Andererseits: Die mediale Präsenz hat auch Vorteile.
So kommt man etwa in den Genuss, für die Goldene Henne nominiert zu sein ... Die Goldene Henne 2015, dieses Jahr im Berliner Velodrom veranstaltet. Natürlich war ich da! Ich konnte zwar so einen Wettkampf in Cottbus nicht fahren - dies war aber verzeihlich.


Kristina Vogel mit Lisette Thöne bei der "Goldenen Henne".

Ich bin eigentlich nie auf solchen Promiveranstaltungen, aber dieses Jahr
haben meine Begleitperson Lisette Thöne (Bob) und ich ein Komplettprogramm bekommen: Es kam extra eine Stylistin, die uns aufgebrezelt hat, es gab ein
goldenes Kleid und natürlich auch einen Shuttle zum roten Teppich hin und zurück.
Dazu haben Lisette und ich wirklich viele Promis gesehen und bei manchen überlegt, wo wir die schon mal im TV gesehen haben.

Ich war in der Kategorie Sport nominiert, zusammen mit vielen anderen sehr starken Sportlern.
Am Ende gab es für den Gold-Vogel keine Gold-Henne, aber eine sehr gute Freundin nahm den Gockel mit nach Hause - Claudia Pechstein. Mit ihr und ihrem Matze hatte ich noch einen schönen und lustigen Abend.

"Höhenlehrgang" in Colorado Springs

Mehr oder weniger direkt nach der After-Show-Party ging es in den Flieger nach Colorado Springs in den USA.
Hier sitze ich jetzt und schreibe den Blog-Beitrag, wahrscheinlich um mich vorm Taschepacken zu drücken. Die letzten drei Wochen waren wirklich sehr, sehr hart. Ich kann eigentlich gar nicht glauben, dass ich das Pensum überlebt habe und ohne
Ausfall durch kam.


Colorado Springs liegt auf etwa 2.
000 Höhenmetern. Wir sind hier in einem Olympic Training Center untergebracht. Wenn ich diese Unterkunft beschreiben soll, dann fallen mir eigentlich nur Superlative ein. Ich habe nirgend auf der Welt so gut ausgestatte und moderne Sportstätten gesehen. Die Mensa gleicht einer großen Firmenkantine, mit sportlergerechtem Essen und großer Auswahl an so eigentlich allem. Der Haken: Die Unterkünfte für uns "Besucher" sind ausgestattet wie
Jugendherbergen mit Gemeinschaftstoiletten- und Duschen.
Für die besonderen Geschäfte ist ein Fußmarsch durch den Flur fällig.

In der ersten Woche hatten wir damit zu tun, uns anzupassen.
Das "wir" umfasst das Nationalteam um Miriam Welte, Maximilian Levy, René Enders, Robert Förstemann, Max Niederlag, Joachim Eilers und Eric Engler. Diese Anpassung ist wirklich unheimlich wichtig. Ohne richtige Anpassung kann mansich schnell den "Zahn ziehen" und schleppt das dann die gesamte Wintersaisonmit sich rum, weil man sich ewig nicht davon regeneriert.

Wer jetzt aber glaubt, wir hätten nicht trainiert: Pustekuchen.
Zwei Tage Straßentraining, einen Tag Krafttraining und dann ging es eigentlich schon los. Es folgten sehr harte Einheiten. Ich gehe aber sehr positiv aus dem Lehrgang.

Laut der Kurbelauswertung unseres Messsystems am Bahnrad bin ich auf dem Stand wievor den Olympischen Spielen 2012.
Außerdem gehe ich mit neuen Bestleistungen im Kreuzheben und Kniebeugen nach Hause.

Gewichtheben im Olympic Training Center.



Der Alltag beim Lehrgang

Im Prinzip passiert auf Lehrgängen nicht viel: Training, Essen, Schlafen,allabendliche Besprechungen und Kurbeldatenauswertungen.
Viele sind neidisch und begeistert, wenn Sie hören "Wow, USA ... ihr Sportler seid aber viel unterwegs ..."


Kristina Vogel beim Reitausflug ...

Ehrlich gesagt hatte ich nur zwei Ruhetage
in den kompletten drei Wochen.
Außerdem haben die vielen Doppeleinheiten Nachmittagsausflüge unmöglich gemacht. Daher beschränkten sich meine Freizeitaktivitäten auf einen Reitausflug, einen Zoobesuch mit Giraffenstreicheleinheiten und kurze "Kaffee-Fahrten".

... und beim Giraffen streicheln im Zoo.



An einem der Ruhetage war ich so platt, dass ich mich gerade mal für ein leckeres Steak aus der Unterkunft rausgetraut habe.
Klingt also nicht so wunderbar, oder?

Es hat natürlich einen süßen Nebengeschmack, den Pikes Peak von der Radrennbahn auszu sehen.
Aber eigentlich habe ich in der letzten Bahneinheit eher "über Kreuzgeguckt".

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